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Performancegewinn an Stelle starrer Arbeitszeit oder Krankmeldung

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Performancegewinne von bis zu 300% sind möglich, wenn Mitarbeiter ihre Arbeitszeit manchmal selbst wählen können. Natürlich dürfen Teammeetings und Besprechungstermine nicht darunter leiden. Jede Führungskraft, die das selbst erlebt hat, will es einführen. Wie lassen sich diese Performancegewinne erzielen? Welche Nebeneffekte gibt es? Wie kann man die Strukturen dafür schaffen?

 

Status Quo: In den meisten Büros gibt es eine Kernarbeitszeit von 9 bis 15 Uhr. Die einen Mitarbeiter arrangieren sich damit, indem sie um 6 oder 7 Uhr kommen und um 15 Uhr in den Feierabend verschwinden. Die anderen kommen kurz vor 9 Uhr und bleiben abends entsprechend länger. Dem Management ist das wichtig, denn sonst gibt es zu wenig Zeiten, in denen Mitarbeiter erreichbar sind, Besprechungen gehalten werden können und ähnliches.

Was war passiert? Ich war heute froh, dass ich inzwischen mein eigener Chef bin. Denn es war einer dieser Tage, an denen früh der Wecker klingelt und ich gleich weiß, dass ich neben mir stehe. Früher als Teamleiterin wäre ich trotzdem ins Büro gefahren. Denn ich war ja nicht krank. Was ich an diesen Tagen geleistet habe und wie viel Kommunikation daneben ging und hinterher mühevoll wieder geradegerückt werden musste, das steht auf einem anderen Blatt. Denn die Erwartungshaltung meiner Vorgesetzten und der Firma, die mir mein Gehalt jeden Monat auszahlte, war nun mal, dass ich anwesend sein sollte. Anders wäre es gewesen, wenn ich krank gewesen wäre. Aber nur weil ich ein paar Stunden lang neben mir stehe, bin ich erstens nicht krank und will ich zweitens der Firma keinen Ausfalltag zumuten.
Doch seien wir mal ehrlich. Jede Führungskraft, jeder Chef jongliert täglich mehrere Projekte parallel. Das geht mir in der eigenen Firma nicht anders als früher in der Position als angestellte Teamleiterin. An Tagen wie heute ist es alles zu viel. Da verliere ich die Orientierung, weiß ich nicht mehr wo die Prio 1 Themen sind und alles scheint mich zu erdrücken. Wenn dann auch noch der Chef, ein Kunde oder meine Kollegen mit komplexen Themen zu mir kommen, bin ich schlicht und einfach überfordert. Denn ich bin auch nur ein Mensch! Doch was tun, um aus dem Dilemma herauszukommen?

Meine Lösungsvariante: Raus in die Natur! Das ist mein Zufluchtsort. Frei nach dem Motto:schlechtes Wetter gibt es nicht, sondern nur schlechte Kleidung“, habe ich mich dick eingepackt und bin bei dichtem Schneefall losgegangen. Meine Wanderung begann damit, dass ich alle möglichen E-Mails im Kopf diktierte, denn ich hatte ja ein schlechtes Gewissen, weil ich jetzt nicht im Büro am Schreibtisch saß. Erst als ich nach gut 30 Minuten an einem Gebüsch erschrak, weil sich eine Herde Spatzen durch meine Person gestört fühlte und mit lautem Gezeter das Gebüsch verließ, wurde ich »wach«. Carola, sagte ich mir: „es bringt Dir nichts, wenn Du Dich Schritt für Schritt durch den Schnee quälst, E-Mails schreibst, deren Formulierungen Du später wieder vergessen hast, und Du die Natur nicht wahrnimmst. Also bring Ruhe ins Gehirn!“ Aktiv beschloss ich alle Gedanken, die noch auftauchen, kurz zur Kenntnis zu nehmen und dann gehen zu lassen. Außerdem sagte ich mir, dass die Themen, die wichtig sind, zum rechten Zeitpunkt wieder da sein werden. Ab diesem Moment wurde es endlich eine schöne Wanderung, in der ich mich an der Natur erfreuen konnte. Durch den schnellen Schritt, den ich ohne die Last der ganzen Gedanken plötzlich gehen konnte, wurde mir so warm, dass ich sogar mal wieder frischen Schnee mit der Hand aufhob und auf der Zunge zergehen ließ. Welch eine Erinnerungsexplosion! Im Geiste freute ich mich wieder über jede Schneeflocke, sah mich als Kind daher hüpfen und Schneeflocken mit der Zunge erhaschen.
Im Nu hatte ich ein breites Grinsen auf dem Gesicht, gute Laune breitete sich in mir aus und ich nahm wahr, dass mir die Welt wieder schön und wundervoll erschien. Endlich war ich »richtig wach« und wieder bei mir selbst angekommen, statt nur neben mir zu stehen. Mit wunderbar guter Laune beendete ich meine Wanderung, besorgte mir noch ein Mittagessen und ging ins Büro.

Performancegewinn: Weder die Liste der Aufgaben, noch die Setzung von Prioritäten oder die Lösung von Problemen, die an mich herangetragen wurden, bereiteten mir nun Probleme. Die wichtigsten E-Mails waren in einer halben Stunde geschrieben. Kollegen und Kunden äußerten sich zufrieden, ja sie sprachen mich sogar auf meine gute Laune an, denn es sei heutzutage sehr selten im Büro auf gut gelaunte Kollegen zu treffen. Nach nur drei Stunden Arbeitszeit hatte ich heute so viel erreicht wie früher an ähnlichen Tagen nach 9-10 Stunden. Das ist ein Performancegewinn von 300 Prozent!

Nebeneffekt: In allen meinen Führungspositionen habe ich das früher so gehandhabt. Bei jedem Mitarbeiter – mich selbst eingeschlossen – kam es einmal oder zweimal im Jahr vor, dass er solch eine Auszeit für ein paar Stunden brauchte. Natürlich musste der Betreffende Bescheid geben und gemeinsam beschlossen wir, wer die Vertretung übernehmen kann oder welches Meeting verschoben werden kann. So war keiner von uns unentbehrlich. Jeder hatte seine nötige Freiheit. Ich hatte sehr selbstständige Kollegen im Team, die selten krank waren und häufig mit ihrer Arbeitseffizienz auffielen.
Für die Bedenkenträger: Keiner hat dieses unausgesprochene Angebot je überstrapaziert oder ausgenutzt.

Strukturen schaffen: In der Vergangenheit habe ich darüber nie nachgedacht, wie man Strukturen für solch eine Zusammenarbeit aufbauen kann. Es ergab sich einfach im Laufe der Zusammenarbeit. Heute ist mir klar, dass der wichtigste Faktor „Vertrauen aus Wertschätzung“ heißt. Mit meinem Verhalten habe ich meinen Kollegen nachhaltig – also täglich gezeigt, dass ich nicht Höhergestellt bin, sondern nur eine andere Rolle ausfülle. Jedem einzelnen habe ich wieder und wieder mitgeteilt, dass er persönlich wichtig für das Team ist. Und natürlich gehörte dazu, dass ich mich nicht verstellte, sondern meinen Kollegen zeigte, dass ich auch nur ein emotionaler Mensch mit Fehlern und Vorzügen bin. So entstand mit der Zeit gegenseitiger Respekt und Wertschätzung, die die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit bildeten.

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