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4. Montag: Leben im Katastrophenfall von Corona

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Drei Wochen Corona-Ausgangbeschränkungen. Die Unmöglichkeit zu planen treibt viele in den Stress, ins Hamsterrad, auf den Hamburger Fischmarkt. Kein Unternehmen braucht im Moment Trainer oder Coaches, geschweige denn eine Seminaragentur. Ich ziehe mich zurück, meditiere und höre zu. Es gilt vorwärts zu leben und rückwärts zu verstehen. Leben im Hier und Jetzt vertreibt Angst, macht ruhig und lässt mich die Situation annehmen, wie sie ist.

Während sich die Online-Welt förmlich im Hamsterrad überschlägt, jeder und jede in Xing, LinkedIn, Facebook und Co auf sich aufmerksam macht, werde ich immer stiller. Was ist es, das mich den Rückzug antreten lässt? Außen fühlt es sich für mich an wie Hamburger Fischmarkt auf elektronisch. Jeder preist sich und seine Waren an, immer schneller, immer mehr, immer lauter. Vollkommen surreal kommt es mir vor.

Innen finde ich die Erkenntnis: diese Situation kenne ich. Vor genau zehn Jahren lag meine Mutter im Sterben. Wir wussten es, wir sprachen darüber. Es wurde nichts verschwiegen. Die gemeinsame Zeit war uns wichtig, sie war mir wichtig. Denn es wurde immer deutlicher, dass es bald keine gemeinsame Zeit mehr geben würde. Nach drei Wochen – ich erinnere mich noch genau – da kam meine Ungeduld hoch. Mutti im Hospiz besuchen, schön. Ich hatte es mir(!) versprochen, dass ich in dieser Zeit, so oft ich kann, bei ihr sein wollte. Aber meine Wanderungen am Wochenende fehlten mir. Die Erkenntnis, dass ich gar keine Pläne mehr machen konnte, traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Nicht mal eine Sonntagswanderung in die nahegelegene Fränkische Schweiz konnte ich planen. Das machte mir schwer zu schaffen. Eine Lösung fand ich nicht. Ich musste mich damit abfinden.

Im Rückblick erkenne ich, dass es NUR drei Monate waren, in denen ich mein Leben der gemeinsamen Zeit unterordnete. Im Rückblick erkenne ich auch, dass es die wertvollste Zeit meines Lebens war. Die gemeinsamen Gespräche, die Ruhe, das verlangsamte Leben – für eine 40-jährige ist das ausschließliche Sitzen und Reden im Hospiz sehr langsam und vor allem sehr reduziert. Neben den Grundbedürfnissen Essen, Schlafen und auf die Toilette gehen, war nur noch das Genießen der ersten Frühlings-Sonnenstrahlen wichtig. Wie sehr leuchteten die blassen Augen meiner Mutter auf, als sie ihre Nase in den betörenden Duft eines Fliederzweiges gesteckt hatte! Das sind die Erinnerungen, die mir dauerhaft bleiben.

Rückwärts verstehen! Genau das ist mir in dieser dritten Corona-Woche klar geworden. Ich kann nicht mehr planen. Wir alle können nicht mehr planen. Es ist Zeit die Situation so wie sie ist anzunehmen. Das verlangsamte Leben akzeptieren. Machen wir aus Corona (lat.: Krone, Diadem, Mauerring, Kreis aus Zuhörern) ein Diadem und nutzen die Zeit für einen Kreis aus Zuhörern. Wir haben es in der Hand, ob wir die gemeinsame Zeit mit unseren Familienmitgliedern genießen oder im Stress um Kundenakquise und finanzielle Sorgen untergehen. Fragt Euch, woran ihr Euch in zehn Jahren erinnern wollt? An die Unsicherheit, den Stress oder ans gemeinsame Lachen, Unterhalten, Spazieren gehen?

Ich genieße es jetzt sehr täglich zu meditieren, meine körperliche Fitness auszubauen. Ich kann mich intensiv um meinen kranken Kater kümmern und kann jeden Tag mit meinem Mann gemeinsam etwas unternehmen. Sei es, dass wir spazieren gehen, gemeinsam kochen oder Kniffel und Rakko spielen.

Auf dem Walberla das Leben genießen. Carola Pracht-Schäfer von hinten mit ausgebreiteten Armen.Wenn Pläne festzurren nicht mehr möglich ist, dann lebe im HIER und JETZT.

 

»Leben ist das, was passiert, während Du eifrig dabei bist andere Pläne zu machen.« John Lennon

 

 

 

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